Wirkliche und vermeintliche Holznot einst und jetzt – und wie man damit umgeht

Vom Holznotalarm um 1800 über den Waldsterbensalarm der 1980er Jahre bis zur heutigen Holzverknappungs-Diskussion

von Joachim Radkau

    Als Historiker habe ich mit dem Thema Holzverknappung meine eigenen Erfahrungen, und zwar ausgiebige. Vor 32 Jahren, 1979, bekam ich von der VW-Stiftung ein Forschungsprojekt bewilligt mit dem Titel: Technologische Auswirkungen der Holzverknappung in der frühen Neuzeit. Das Thema wirkte damals, zur Zeit der zweiten Ölkrise, nicht nur aktuell, sondern auch historisch höchst verheißungsvoll; denn spätestens seit dem 18. Jahrhundert wimmeln die Forstordnungen von Alarmrufen über die „unmittelbar vor Augen stehende entsetzliche Verödung der Waldungen“, so in der damaligen Sprache der Akten. Werner Sombart stellte vor hundert Jahren in seinem Riesenwerk Der moderne Kapitalismus die These auf, im 18. Jahrhundert sei der Kapitalismus drauf und dran gewesen, an zunehmender Holzverknappung zugrunde zu gehen, wären nicht Steinkohle und Kokshochofen als Retter erschienen. Und wichtiger noch: die nachhaltige Forstwirtschaft, fügten Forsthistoriker dazu. Diese Retter-Geschichte wurde zum Gründungsmythos der modernen Forstwirtschaft.

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    Peinlicherweise entwickelte sich mein damaliges Projekt in eine ganz andere Richtung als geplant. Als ich mit meinen Mitarbeitern in die Regionalarchive ausschwärmte, vom Siegerland bis nach Kärnten, entdeckten wir zu unserer wachsenden Enttäuschung, dass in den Forstakten, die den forstlichen Alltag spiegeln, die so viel beklagte katastrophale Waldverwüstung oftmals gar nicht wiederzufinden ist. Und wenn wir auf solche Klagen stießen, war es in vielen Fällen recht durchsichtig, dass bestimmte Interessen dahinterstanden: Die Forstverwaltungen kämpften um die uneingeschränkte Kontrolle über die Wälder, die traditionellen Waldnutzer um die Aufrechterhaltung ihrer Gewohnheitsrechte am Wald, die Erfinder holzsparender Öfen um ihren Retter-Nimbus. Das erste Gebot historischer Quellenkritik lautet, bei allen Dokumenten den Kontext, die Situation, die Genese, die Intention des Verfassers zu beachten; dieses erste Gebot war in der Forsthistorie offenbar allzu oft nicht beachtet worden.

    Als ich mich in die Wald- und Holzgeschichte begab – schon bald hatte ich in meiner Bielefelder Geschichtsfakultät den ehrwürdigen Spitznamen „Holzwurm“ anhängen – , hatte ich vorher meine Habilitationsschrift zur Geschichte der deutschen Atomwirtschaft abgeschlossen und bildete mir ein, nach diesem aufregenden Hochspannungsthema nun in den Wäldern endlich meine Ruhe zu finden. Aber das erwies sich als gewaltiger Irrtum. Als ich 1981, vor dreißig Jahren, auf dem internationalen Essener Kongress Energy in History erstmals meine Zweifel an der These von der katastrophalen Holzverknappung anmeldete, löste ich eine Kontroverse aus, die bis heute fortgrummelt: schon zehnmal so lang wie der Historikerstreit der 80er Jahre, der zwar sehr berühmt ist, von dem jedoch kaum einer mehr sagen kann, worum es eigentlich ging und was dabei herauskam.

    Nun, ich selbst bin mit zunehmendem Alter milder geworden und weit entfernt davon, die radikale Gegenthese zu verfechten, in der Vormoderne sei durchweg nachhaltige Waldwirtschaft betrieben worden; und es fällt mir auch nicht ein, die Leistungen der Forstwirtschaft seit dem 19. Jahrhundert pauschal zu bagatellisieren. Wenn bis dahin so viel über drohenden Holzmangel geklagt wurde und der Vorwurf der Waldverwüstung zwischen diversen Interessenten wie ein Ping-Pong-Ball hin und her flog, muss er auch irgendeine Plausibilität besessen haben. Eine Krise der Wald- und Holzwirtschaft wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts wohl in der Tat virulent; nur handelte es sich im Kern um keine ökologische Krise des Waldes, sondern um eine institutionelle Krise in der Allokation des Holzes. Bis dahin hatte zwischen den diversen Waldnutzern durch Tradition und Gewohnheitsrecht eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz bestanden, die an die heute zum Leitbild erhobene „Kaskadennutzung“ erinnert, und wo die diversen Holzqualitäten die zu ihnen passende Verwendung fanden. Diese Koexistenz verwandelte sich durch die zunehmende Liberalisierung und Kommerzialisierung der Waldwirtschaft in Konkurrenz. Und da ist der aktuelle Bezug zur gegenwärtigen Situation evident.

    Joachim Radkau 3_Foto VHIAls ich über die Landesgrenzen blickte, stellte ich fest, dass Andrée Corvol, die führende französische Forsthistorikerin, zu ganz ähnlichen Schlüssen gekommen war: Der Hochwald sei die „Staatsreligion“ des Ancien Régime gewesen, das von daher den „Mythos der Entwaldung“ zur Rechtfertigung seiner Intervention in den Wäldern gebraucht habe. In England verspottete der streitbare Oliver Rackham all jene Forsthistoriker, die den Hüttenherren unterstellten, die Wälder zerstört zu haben: Ob sie etwa geglaubt hätten, diese Eisenbarone seien Selbstmörder gewesen? Für das westafrikanische Guinea entlarvten James Fairhead und Melissa Leach (Misreading the African Landscape, 1996) Waldzerstörungslegenden der Kolonialherren und ihrer Nachfolger; in die gleiche Richtung argumentierten Jack D. Ives und Bruno Messerli aus alpiner Erfahrung für Himalaya-Regionen (The Himalayan Dilemma, 1989).

    Kurz nachdem ich vor dreißig Jahren die Forsthistoriker provozierte, brach der Alarm über das vermeintliche Waldsterben los. Auch in den letzten Jahren klingelten mir als historischem Holzwurm immer wieder die Ohren: erneut eine Flut von Warnungen vor drohender Holzverknappung, diesmal weltweit. Gerade noch hatten sich selbst führende Politiker der Grünen unter der Suggestion der Zauberwörter „Klimaschutz“ und „Erneuerbare Energien“ dazu bekehrt, die Holznutzung von Staats wegen zu fördern; da ertönt prompt der Gegen-Alarm. Heute wirft Cornelia Behm, die Sprecherin der Grünen für Waldpolitik, der Bundesregierung vor, sie habe den Ernst der „Nadelholzlücke“ nicht erkannt.

    Wie schon vor 200 Jahren ist es aufschlussreich, darauf zu achten, woher der Alarm kommt und nach welchem Maßstab und Interesse der Warner die Waldzustände beurteilt. Was für den Käufer Holzverknappung ist, ist für den Verkäufer Holzkonjunktur: Das ist heute so wie vor zwei Jahrhunderten, wobei sich bei den Sägewerken, den „Zugpferden“ der gesamten Holzbranche, allerdings Käufer- und Verkäuferinteressen überschneiden: Die Sorge der Sägewerker um die Holzversorgung ist sprichwörtlich („Ein Säger, der nicht klagt, ist kein Säger“); aber auch an Holzeinsparung haben sie nicht unbedingt Interesse. Für den Außenstehenden ist es erst einmal ganz undurchsichtig, was es mit dem Alarm auf sich hat: Geht es hier um die Umwelt – hierzulande stilisieren sich mittlerweile ja fast alle zu Umweltschützern –, oder geht es lediglich um die Interessen der Zellstoffindustrie, die den Holzpellets-Boom als erste zu spüren kriegt?

    Aus historischer Sicht ist die Nutzung von Holz als Energieträger das Normalste von der Welt; und für weite Regionen der Welt gilt dies nach wie vor. Und doch: Vorsicht mit historischen Analogien! Geschichtsbewusstsein bedeutet – richtig verstanden – nicht nur die Entdeckung von Vergangenem in der Gegenwart, sondern auch Wachsamkeit für den aktuellen Wandel. Historiker beweisen mit Vorliebe ihre Belesenheit, indem sie Beispiele dafür bringen, dass alles schon einmal dagewesen sei. Und gewiss haben die Feuer schon in der Antike geraucht, hat es schon damals Bleivergiftungen gegeben, und wenn man einen Baum schlug, war er auch damals erst einmal weg. Aber Probleme, die zu einer Zeit marginal waren, rücken zu anderen Zeiten ins Zentrum.

    Die längste Zeit wurden abgelegene Wälder ganz einfach dadurch geschützt, dass der Abtransport des Holzes viel zu mühsam war und die Wege – sofern es sie überhaupt gab – so miserabel waren. Das hat sich bekanntlich mit der heutigen Technik dramatisch verändert; das Trägheitsgesetz – die stärkste Macht der menschlichen Dinge – ist für den Wald kein zuverlässiger Schutz mehr, sondern fördert heutzutage eher die Übernutzung. Zugleich hat die globalisierte Wirtschaft eine Dynamik erlangt wie noch nie. Wer hätte sich noch vor wenigen Jahrzehnten vorstellen können, dass China deutschen Holznutzern im eigenen Land massive Konkurrenz macht? Wenn man heute wie früher Grund hat, Klagen über Holzverknappung kritisch zu überprüfen, so heißt das keineswegs, dass man sie pauschal ins Lächerliche ziehen darf. Überhaupt ist der ganze Wald- und Holzbereich kein Revier für pauschale und apodiktische Weisheiten ohne Raum und Zeit.

    In der Erinnerung an den Holznotalarm um 1800 und den Waldsterbensalarm der 1980er Jahre neigte ich zunächst dazu, bei dem derzeitigen Holzverknappungsalarm erst einmal auf die dabei hineinspielenden Interessen zu achten; aber ich gestehe, dass mich der Gang durch den gewaltigen auf der LIGNA 2011 ausgestellten Maschinenpark zur Produktion von Pellets und Hackschnitzeln doch nachdenklich gemacht hat. Wenn man da Maschinen angeboten sieht, die dicke Baumstämme ruckzuck zu patenten Brennstoffen zerschreddern, so demonstriert dies, in welchem Maße der so genannte technische Fortschritt das Kaskadenprinzip der Holznutzung – Beschränkung der energetischen Nutzung auf Holzreste – schlichtweg überrollt. Wie man hört, fehlt es unter den Holznutzern vielfach ohnehin an jener Kooperation, die von der Kaskadennutzung vorausgesetzt wird.Joachim Radkau 4_Foto VHI

    In früheren Zeiten war die Holzwirtschaft trotz der spektakulären Holländerflöße, die rheinabwärts schwammen, ganz überwiegend lokal und regional; und auf dieser Basis funktionierte zumindest bis zu einem gewissen Grade eine Koexistenz der Waldnutzer, auch ohne dass es den Cluster-Begriff gegeben hätte. Der Plenterwald diente der Produktion von Bau- und Nutzholz, der Hudewald der Viehweide und der Niederwald der Gewinnung von Feuerholz. Oliver Rackham pflegt den mainstream der Forsthistoriker dafür zu verspotten, dass sie – wenn sie die Vormoderne en bloc als Zeitalter des Raubbaus am Wald kennzeichnen – schlichtweg die Niederwälder vergessen hätten: die Brennholzwälder, die sich durch Stockausschlag regenerieren.

    Für die Forstreformer, die es auf kommerziell verwertbares Bau- und Nutzholz abgesehen hatten, waren die Niederwälder kein anständiger Wald, sondern besseres Gestrüpp – mit der rühmlichen Ausnahme der von oben wohlgeordneten und der Holzversorgung der Eisenhütten dienenden Siegerländer Hauberge; aber es war ahistorisch, wenn auch Historiker diese Wertung übernahmen; denn neun Zehntel und mehr des vormodernen Holzbedarfs galten nun einmal dem Feuerholz. Überdies war es nicht wirklich ökologisch gedacht, wenn selbst Umwelthistoriker diese Abwertung der vormodernen bäuerlichen Waldwirtschaft übernahmen; denn die Bauernwälder waren artenreicher als viele moderne Försterwälder. Das habe ich zuerst aus der großartigen Vegetationsgeschichte Heinz Ellenbergs gelernt, der auch als erster prominenter Wald-Ökologe Zweifel an dem Waldsterbensalarm anmeldete. Energiewälder sind nicht zwangsläufig ein ökologischer Skandal. Der Baum dieses Jahres 2011 ist die Elsbeere, Sorbus torminalis, nach der man im Gros der forstlichen Literatur vergeblich sucht; diese „unbekannte Schöne“, wie sie jetzt umworben wird, war ein Bestandteil der alten Niederwaldkultur.

    Da die Beschränkung der energetischen Holznutzung auf Restholz gegenwärtig, wie es scheint, nicht mehr durchsetzbar ist – und wegen der in den Holzresten enthaltenen Nährstoffe, die vormals den Waldboden anreicherten, ist die Restholzverbrennung ohnehin ökologisch fragwürdig –, bleiben als Ausweg nur Energiewälder. Energiewälder sind per se weder gut noch schlecht. Sie können sehr unterschiedlich aussehen; das beweist ein Blick auf die Geschichte. Öko-fundamentalistische Argumentationen geraten sich selbst ins Gehege: Auf der einen Seite empfindet man es als eine Schande, Bäume zu fällen und zu verbrennen; auf der anderen Seite ertönt der kategorische Imperativ des Übergangs zu nachwachsenden Rohstoffen, und da dürfte man eigentlich nur noch mit Holz feuern, denn mit Mais und anderen Bio-Energieträgern gerät man in viel direktere Konkurrenz mit der Nahrungsgrundlage der Menschheit. Das hätte man von Anfang an wissen können; es ist seltsam, wie das Biosprit-Dilemma der Öffentlichkeit jüngst als große böse Überraschung präsentiert wird.

  Wald und Holz  Zeitweise fungierte die Gefährdung des Klimas förmlich als Totschlagargument, das alle entgegenstehenden Bedenken zum Verstummen brachte. Da kam es vor, dass große Energieversorger Pellets aus den USA und Hackschnitzel aus Kanada importierten und das als Klimaschutz ausgaben. Einer internen Statistik zufolge wird über die Hälfte der nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) geförderten Heizkraftwerke, die eigentlich mit Altholz betrieben werden sollten, mittlerweile mit Waldholz betrieben, weil es nicht genug Altholz gibt. All das ist für Außenstehende so undurchsichtig wie ein Dschungel. Gerade hat Transparency International – von Greenpeace, der European Investment Bank und dem Bundesentwicklungsministerium (BMZ) unterstützt – einen bahnbrechenden 360-Seiten-Band Global Corruption Report: Climate Change herausgebracht, dessen letzter Teil das Forstwesen aufs Korn nimmt. Die durch Kyoto in Aussicht gestellte Möglichkeit, eine angeblich nachhaltige Forstwirtschaft als Klimaschutz zu verkaufen, ist nach bisheriger Lage der Dinge in weiten Teilen der Welt in der Tat nicht viel mehr als eine Einladung zu Bluff und Korruption. Künftig wird man mehr denn je darauf zu achten haben, dass der „Ära der Ökologie“ keine Ära des Öko-Bluffs folgt.

    Die Brundtland-Kommission, die in den 80er Jahren das sustainable development erfand – jedoch ohne sich viel mit dessen Konkretisierung und praktischer Umsetzung abzumühen –, hätte gut daran getan, sich über deutsche Forstgeschichte kundig zu machen. In den Wäldern der Alten Welt standen die „Grenzen des Wachstums“ stets sehr konkret vor Augen; denn da war das Wachstum keine bloße Metapher, die ihres ursprünglichen Sinnes entleert war. Dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, hat man stets gewusst. Da es etwas sinnlich Aufreizendes besitzt, wie ein Baum, der in einem Jahrhundert gewachsen ist, in einem Augenblick zu Boden kracht, gab es oft sogar die Tendenz, die Holzversorgung der Zukunft für desolater zu halten, als sie in Wirklichkeit war: Nicht zuletzt dies ist der große Unterschied zu der Wahrnehmung fossiler Energieträger, wo man von den Grenzen keine Ahnung hat! Die Holzbranche besitzt eine jahrhundertelange Erfahrung darin, mit den Grenzen des organischen Wachstums zu leben.

    Going Green ist gegenwärtig der Megatrend, wenn man der Hauptschlagzeile der LIGNA-Messezeitung glauben darf. Dieses Ergrünen beschert allerdings nicht nur Frühlingsgefühle, sondern hat auch seine eigenen Tücken; keine Wirtschaftsbranche hat damit mehr Erfahrung als die Wald- und Holzwirtschaft. Sie könnte mit der offenen Diskussion grüner Zielkonflikte vorangehen.

Beitrag von Prof. Dr. Joachim Radkau, Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Bielefeld,
auf Basis eines Vortrags zum Experten-Kolloquium “Bioenergie aus Holz – wo liegen die Grenzen?”
im Rahmen der Forst- und Holz-Weltmesse LIGNA in Hannover am 2. Juni 2011

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